Faire Beschaffung in Kommunen: Stadt Fürth

Shownotes

Die öffentliche Hand beschafft jährlich Waren und Dienstleistungen im Umfang von ca. 500 Mrd. Euro. Durch dieses große Beschaffungsvolumen haben auch Kommunen eine große Marktmacht und somit auch einen großen Hebel, um faire Arbeits- und Produktionsbedingungen durch den Kauf fairer Produkte zu unterstützen. Viele Kommunen sind bereits dabei und kaufen IT, Arbeitsbekleidung, Natursteine oder das Schulcatering fair ein. Die Stadt Fürth wurde für ihr Engagement zum fairen Handel im Jahr 2021 sogar zur „Hauptstadt des fairen Handels“ gekürt.

Moderatorin Andrea Gerhard hat in dieser Folge Philipp Abel zu Gast, den Leiter des Nachhaltigkeitsbüros der Stadt Fürth, und bespricht mit ihm…

…warum die Stadt den fairen Handel so wichtig findet, …wie Fürth faire Beschaffung umsetzt und warum sie zur „Hauptstadt des fairen Handels“ gekürt wurde, …wie man die Kolleg*innen in der Verwaltung mitnimmt, …und welche Tools und Kniffe es für faire Ausschreibungen gibt.

Auf der Webseite der Stadt Fürth finden sich weitere Informationen zum nachhaltigen Engagement der Stadt: https://www.fuerth.de/umwelt-abfall/nachhaltigkeit/

Viele Infos zu fairen Produkten und Anbietern, einen Gütezeichenfinder sowie Vorlagen für faire Vergaben gibt es im Kompass Nachhaltigkeit: https://www.kompass-nachhaltigkeit.de/

Wollt ihr selbst mit eurer Kommune aktiv werden? Hier erhaltet ihr einen Überblick über die Unterstützungsmöglichkeiten der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW) für die faire Beschaffung eurer Kommune: https://skew.engagement-global.de/fairer-handel-und-faire-beschaffung.html Und hier geht’s zum E-Learning und Seminarangebot der SKEW zu Themen der fairen Beschaffung: https://skew.engagement-global.de/qualifizierungsangebote-zum-thema-faire-beschaffung.html

Der Podcast „Kommune bewegt Welt“ wird produziert von der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW) von Engagement Global im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

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Transkript Folge Fürth

Kommune bewegt Welt - Der Podcast der SKEW

Andrea Gerhard

Und damit sage ich wieder herzlich willkommen zu einer neuen Episode von Kommune bewegt Welt. Ihr habt wieder eingeschaltet und dafür verspreche ich euch eine informative und spannende Episode. Mein Name ist Andrea Gerhardt und ich freue mich ganz besonders da drauf in diesem Podcast mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich für ihre Kommune für eine nachhaltigere und gerechtere Welt engagieren. Ob Klimaschutz, faire Lieferketten oder internationale Zusammenarbeit - Kommunen gehen hier ganz unterschiedliche Wege und nehmen uns im Podcast ein kleines Stückchen dabei mit. In dieser Episode dreht sich alles rund um das Thema Faire Beschaffung. Und wie immer habe ich mir jetzt einen Experten mit viel Praxiserfahrung eingeladen, der uns heute Einblicke geben wird und seine Erfahrung mit uns teilt. Und damit sage ich herzlich willkommen bei Kommune bewegt Welt zu Philipp Abel. Er ist die Leitung des Nachhaltigkeitsbüros aus Fürth, herzlich Willkommen, lieber Philipp.

Philipp Abel

Hallo, ich freu mich total, hier zu sein.

Andrea Gerhard

Wir sind heute online miteinander verbunden und Fürth liegt ja im wunderschönen Bundesland Bayern. Um genauer zu sein, in der Metropolregion Nürnberg und zählt rund, ich würde sagen, roundabout 130.000 Einwohnerinnen und Einwohner, habe ich gesehen. Und wenn ich an Fürth denke, kommen mir sofort Bilder von der wunderschönen Altstadt in den Kopf, vom Marktplatz mit den ganzen Fachwerkhäusern. Und das ist tatsächlich genau wie in meiner Geburtsstadt Marburg. Von daher fühl ich mich also sofort doppelt verbunden mit dir.

Philipp Abel

Schön, da kennst du unsere Stadt schon sehr gut. Das ist sehr erfreulich.

Andrea Gerhard

Ja, ich war schon ein paar Male da tatsächlich. Beruflich hat es mich da schon ein paar Mal dorthin verschlagen. Sag mal, du weißt ja genauso wie ich und auch unsere Zuhörerinnen und Zuhörer, das Wort Nachhaltigkeit ist wie viele andere Wörter nicht fest definiert oder auch geschützt. Was bedeutet denn für dich als Philipp ganz konkret Nachhaltigkeit?

Philipp Abel

Ja, die Frage habe ich mir auch schon oft gestellt und ich glaube bis jetzt meine Lieblingsdefinition ist die, die eine sehr geschätzte Kita Leitung hier in Fürth, mit der wir viel gearbeitet haben, mal gesagt hat. Die sagte so Enkeltauglichkeit. Also sprich, die Welt so zu machen, dass sie für die kommenden Generationen auch noch irgendwie lebenswert ist in jederlei Hinsicht. Und so als Arbeitsdefinition finde ich das eigentlich kann man sich gleich was drunter vorstellen, ist greifbar.

Andrea Gerhard

Was umfasst da jetzt ganz konkret deine Aufgaben als Leiter und als Leitung?

Philipp Abel

Also wir haben das auch einfach ein historisches Konstrukt. Wir haben natürlich nicht alle Themen der Nachhaltigkeit bei uns im Team, sondern quasi die, die wir vorher schon mitbearbeitet haben, die Stück für Stück ausgebaut werden. Das eine ist die Nachhaltigkeitsstrategie der Stadt Fürth, die wir auch mit der SKEW zusammen entwickelt haben, quasi da das Controlling dazu. Und auch die Weiterführung, wir haben seit einigen Jahren in Fürth einen Nachhaltigkeitsbeirat, also wo verschiedene Menschen aus der Fürther Zivilgesellschaft zusammenkommen, um die Stadt und die Politik in Nachhaltigkeitsfragen zu beraten. Das ist bei uns im Team. Dann die Entwicklungspolitik ganz allgemein. Wir haben einige Projekte oder beziehungsweise Organisationen in Fürth, die internationale Projekte fahren, die wir unterstützen, die wir begleiten, die wir teilweise auch finanzieren. Wir haben ganz konkret die entwicklungspolitische Zusammenarbeit mit Djerba Midun. Und dann ein großes Thema ist der faire Handel, die Förderung, die auch die Infoarbeit dazu und den Ausbau, der ja auch sehr gut bei uns läuft, und dann nachhaltige Beschaffung auch noch ein ganz, ganz großes Thema.

Andrea Gerhard

Ja, ich kann da vielleicht auch noch eine Definition zum Einstieg ja immer nachliefern, damit wir alle sozusagen auf der gleichen Ebene sind, nämlich die faire Beschaffung, ist der Einkauf einfach der öffentlichen Hand, so bezeichnet man das, der neben Preis und Qualität die Einhaltung von Kriterien des fairen Handels in der Herstellung des Auftragsgegenstandes maßgeblich berücksichtigt. Und im Fokus stehen hier eben im globalen Süden gefertigte Produkte, in deren Herstellung die Einhaltung von Menschenrechten, grundlegenden Arbeitsstandards und die Auszahlung eines existenzsichernden Einkommens, immer ganz wichtig existenzsicher, häufig nicht gewährleistet ist. Welche Produkte beschafft Fürth denn fair und welche Auswirkungen erwartet ihr dadurch global, dass euch das eben wichtig ist und ihr das zum Fokus macht?

Philipp Abel

Was für uns global erhoffen, ist auf jeden Fall eine große große Frage. Unser Oberbürgermeister, der auch das Thema von Anfang an sehr stark unterstützt hat und auch seit seinem Amtsantritt eigentlich auf allen möglichen Ebenen mit pusht, hat mal gesagt, dass unser Wohlstand in Fürth langfristig nicht tragbar ist, wenn er auf Kosten anderer geht und deswegen ich glaub das ist auch absolut leicht nachzuvollziehen. Deswegen, wir können hier nicht auf Kosten anderer leben und, was wir uns aus dieser und vielen anderen Maßnahmen erhoffen, ist einfach, dass unser Wohlstand langfristig und nachhaltig aufrechterhalten wird, und deswegen machen wir das. Wenn wir uns das konkret anschauen, also unsere nachhaltige Beschaffung umfasst ja noch andere Bereiche als fair, da gehe ich jetzt gar nicht so drauf ein, aber das wären Regionalität, Öko, Bio und so weiter. Wenn wir jetzt konkret die Sachen anschauen, die einem Fairhandelsanspruch entsprechen, dann sind das Produkte aus den Lebensmittelbereich, zum Beispiel für Schulcatering, Schulessen oder auch bei Kitas. Dann sind es Produkte aus dem Textilbereich, zum Beispiel Arbeitskleidung. Und dann ist es sehr viel, auch Give-Aways, Geschenke, Werbemittel, solche Sachen. Ich würde sagen, das sind so die die Hauptkategorien, in denen wir da unterwegs sind.

Andrea Gerhard

Mich würde interessieren, nach welchen Kriterien ihr tatsächlich dann entscheidet, ob ein Produkt fairer ist. Also wie stellt man sicher, zum Beispiel, dass gewisse Kriterien dann auch eingehalten werden? Ich sag mal Stichwort Gütesiegel, so wie du das eben schon gesagt hast. Und wie sicher sind diese eurer Erfahrungen und Einschätzung nach.

Philipp Abel

Ja, das ist die Gretchenfrage, auf jeden Fall. Also das Optimum wäre, dass wir quasi Kontrollteams hätten, die die Lieferkette abklappern können und dann Schritt für Schritt halt nachvollziehen, ob das was angegeben ist, auch übereinstimmt. Das ist natürlich für wahrscheinlich kaum eine Kommune in Deutschland wirklich leistbar, dass man sich die Fabriken vor Ort anschaut und selbst wenn man das tut, ist es ja auch immer noch mit Herausforderungen verknüpft. Sieht man wirklich, was passiert oder genau. Ganz spannend ist ein Pilotmodell, ich weiß jetzt gerade nicht mehr, welche Städte das waren. Aber drei norddeutsche Städte, die sich zusammengetan haben, um mal ihre Lieferkette anhand vom T-Shirt persönlich bis zur Fabrik nachzuvollziehen und auch vor Ort zu kontrollieren. Sowas kann in der Zukunft auf jeden Fall interessant sein. Wir stützen uns einfach auf Siegel und Label momentan, von dem wir wissen, dass die eine hohe Glaubwürdigkeit haben. Und das ist, ich würde sagen, das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange, aber es ist ein sehr guter Weg, um reinzukommen, weil wir da einfach im Vertrauensfall Zusammenarbeit viel mit anderen zusammen bewirken können oder es hoffen zumindest.

Andrea Gerhard

Kennst du den Kompass Nachhaltigkeit, den findet man ja auch auf der SKEW Seite, wo eben auch diese Gütesiegel für die verschiedensten Bereiche aufgelistet sind. Sind das dann solche Quellen, an denen ihr euch dann auch bedient, um zu sehen, was halten wir für vertrauenswürdig an?

Philipp Abel

Genau. Also es kommt immer sehr stark auf die Ausschreibung an, was wir eigentlich konkret haben wollen. Und dann ist der Kompass ein absolut tolles Tool, was es gibt, wo man sehr schnell auch an konkrete Textbausteine reinkommt. Was glaub ich für die Kolleginnen und Kollegen auch immer echt eine Erleichterung ist, wenn man sich diese rechtssicheren Textelemente nicht selber ausdenken muss oder erstellen, sondern tatsächlich auf das Wissen von anderen Kommunen zurückgreifen kann. Und genau, wir basteln uns dann je nach dem Bereich, den wir haben wollen, die Ausschreibung so zusammen. Manchmal komm es in den Ausschreibungstext, manchmal wird es im Vertrag niedergeschrieben, das ist sehr Einzelfallbelastet. Und was ich da, also das ist dann auch nicht meine Arbeit, sondern das machen wir, ganz viele Kolleginnen und Kollegen von mir, die dann in den Fachämtern sitzen. Und die, die Fachinfos haben und das ist total cool, auf dieses Fachwissen zurückzugreifen und halt auch deren Motivation zu sehen und Engagement und wie sie quasi so Stück für Stück ihre Texte auch ausbauen oder unsere Ansprüche nach oben schrauben, sodass wir ohne den Markt zu überfordern, trotzdem immer noch gute Angebote bekommen und auch tatsächlich nicht in jedem Fall führt es auch zu einer Preissteigerung. Es ist oft so, dass man einfach durch schlaue Ausschreibungen da auch ganz viel Synergieeffekte kriegt und wir haben sehr schlaue Kolleginnen und Kollegen bei der Stadt.

Andrea Gerhard

Um einmal den Versuch zu starten, da konkret reinzugucken, vielleicht fällt dir ein Beispiel ein, wenn nicht, ist es auch nicht schlimm, von so einer Ausschreibung, was so ein sozialer oder ökologischer oder ökonomischer Kriterienpunkt ausmachen könnte. Gibt es da so ein oder zwei ganz konkrete, wo du sagst, das ist zum Beispiel ein Standard oder das fällt mir jetzt ein, das kann ich jetzt hier an der Stelle mal mit euch teilen?

Philipp Abel

An ja, also erfreulicherweise ja auch im Kompass nachzuschauen. Bei einigen unserer Produkte, also wenn man dann nach der Stadt Fürth sucht, dann sieht man einige gute Beispiele für die, die da ins Detail gehen wollen. Vielleicht oberflächlich gesagt, wenn ich mir unsere Arbeitskleidung anschaue. Ist mittlerweile Mietarbeitskleidung. Das heißt, dass die Kolleginnen und Kollegen nicht mehr selber auch für die Reinigung verantwortlich sind, sondern dass es abgeholt wird, dann professionell gereinigt wird, um die Langlebigkeit auch zu erhöhen und so weiter. Da ist es Baumwolle, die zum Beispiel auch hierhergenommen wird nach den Fair Trade Cotton Standard. Und dann geht es aber weiter: Wie wurde das verarbeitet bei der Waschung? Wie wird es gemacht bei der Abholung? Werden da Wege eingespart? Mit welchen Reinigungsmitteln? und und und. Das ist ein sehr rundes Konzept, was wir zum ersten Mal pilotiert haben, jetzt in unserer Verwaltung. Einige andere Kommunen machen das schon länger, und ich finde es eigentlich ein sehr schönes Beispiel dafür, dass man halt das, was man machen kann, macht und dann beim nächsten Mal, wenn sich vielleicht auch die Möglichkeiten erweitert haben, den nächsten Schritt geht und so Schritt für Schritt vorankommt.

Andrea Gerhard

Sehr gut. Vielleicht können wir an der Stelle noch mal die Website erwähnen, die lautet nämlich www.kompass-nachhaltigkeit.de. Das verlinken wir natürlich in den Shownotes. Und der Kompass für Nachhaltigkeit bietet Tipps, Beispiele und eben Instrumente, wie Beschaffungsprozesse in allen Phasen nachhaltiger gestaltet werden können und eben auch inklusive einem Gütezeichenfinder. Nun ist ja auch der Weg, Produkte fairer zu beschaffen, dass sie verschiedene Kriterien erfüllen, nicht nur immer ein Spaziergang. Wie habt ihr gestartet und welches Herausforderungen gibt es? Wir können ja vielleicht so das Jahr 24, 23 und 22 beleuchten, wie ihr euch auch entwickelt habt, wenn du möchtest.

Philipp Abel

Ich würde vielleicht sogar tatsächlich ganz am Anfang anfangen mit der SKEW Förderung, die wir bekommen haben, weil das eins der Förderkriterien war: Die faire Beschaffung soll auf 25 Prozent ansteigen. Dann haben wir uns das das angeschaut und überlegt: Aber 25 Prozent von was eigentlich? Und wo stehen wir, wo kommen wir hin? Das war so der erste sehr schnelle, diese erste sehr schnelle Erkenntnis, dass wir eigentlich keine Datengrundlage haben und dass wir nicht wirklich sagen können, wo wir eigentlich gerade stehen. Und wir haben dann ein Analysetool, letztlich, das super einfach, das heißt zehn Zahnräder für nachhaltige Beschaffung. Das ist im Endeffekt ein Fragenkatalog von zehn Fragen. Wenn sich zwei Leute einer Kommune diese zehn Fragen einfach mal oberflächlich anschauen, oder sagen wir mal drei, dann können wir wahrscheinlich relativ schnell schon feststellen, in welchen Bereichen sie gut aufgestellt sind und in welchen noch nicht. Und anhand der Analyse kann man dann sagen: Okay, also das, das, das und das müssen wir machen und dann kann man sich wiederum anschauen, was sind so die Low Hanging Fruits. Dazu bin ich total übergegangen in den letzten Jahren, dass wir weniger versuchen jetzt die dicken Bretter zu bohren, wo wir wissen, wir hätten eine große Hebelwirkung, sondern dass wir ganz viel mit den Kolleginnen und Kollegen arbeiten, die von sich intrinsisch aus die Motivation haben, wo wir wissen, da können wir was bewirken und da können wir schnell auch Erfolge haben, so ein bisschen mit der Philosophie, lieber tausend kleine Schritte, die wir wirklich gehen können als einen Großen, den wir nie angehen können. Wir versuchen jetzt seit glaub ich vier oder fünf Jahren die Low Hanging Fruits abzuernten und jedes Mal, wenn wir dann fertig sind, merken wir: Oh, hier sind wieder neue Früchte reif geworden, die wir einfach abernten können und kommen da echt gut voran.

Andrea Gerhard

Was würdest du sagen, faire Beschaffung, was für Herausforderungen fallen dir so spontan ein? Du hast ja jetzt vorhin schon gesagt, dass ihr ja auch eher versucht, step by step zu gehen und nicht große, eher schwierig durchsetzbare Projekte zu machen. Aber gibt so ein, zwei Herausforderungen, wo du sagst: ja, das ist immer wieder ein Thema, wo wir uns dann doch vielleicht ein bisschen die Zähne ausbeißen?

Philipp Abel

Du hast es ja vorhin in deiner Definition auch gesagt, faire Produkte sind zu 99 Prozent Produkte, die aus dem Globalen Süden kommen. Als Kommune beschaffen wir so ziemlich alles, was es so gibt, aber in unterschiedlichen Mengen. Das heißt, einfach so von dem, was wir grundsätzlich in unserem Alltag brauchen, kommt einfach sehr vieles nicht aus dem Globalen Süden, beziehungsweise, es sind Produktgruppen, die noch nicht so erschlossen sind. Eine Gruppe, die ich vorhin vergessen habe, sind zum Beispiel Sportartikel, ganz konkret Bälle für unsere Schulen. Die haben wir jetzt seit zwei oder drei Jahren in unserer Ausschreibung fest drin, dass das auf jeden Fall Bälle sein müssen, die dem Fairtrade Standard entsprechen oder das Fairtrade Titel haben, das ist dann eine neue Gruppe die dazugekommen ist. Und der faire Handel wächst ja total erfreulich in Deutschland, die Umsatzzahlen gehen jedes Jahr hoch und so wie eben da jedes Mal neue Produktgruppen auch erschlossen werden, schaffen wir es dann auch, das Stück für Stück reinzubringen. Wir können natürlich jetzt, wo es noch keinen Standard gibt, es auch noch nicht einführen.

Andrea Gerhard

Dieses Thema mit den fairen Bällen ist ein riesiges Thema, auch so von dem Standpunkt, wo ich herkomme. Wie toll, dass Ihr das schon angegangen seid, das ist noch nicht bei so vielen durchgesickert und vor allem nicht bei großen Turnieren, wie sehr tatsächlich Sportartikel, wie zum Beispiel Fußbälle da ganz konkret auch teilweise noch mit Kinderarbeit behaftet sind. Und es gibt da tolle Alternativen, man muss sie nur kennen. Also vielleicht auch da noch mal der Hinweis: Die SKEW bietet natürlich auch bei diesem ganzen Thema Beschaffung und Einkauf auch ganz viel Unterstützung an. 2021 ist Fürth die “Hauptstadt des Fairen Handels” geworden. Also an der Stelle nochmal Herzlichen Glückwunsch nachträglich, kann man ja ruhig noch sagen! Mit was für Projekten hat sich denn Fürth für den Wettbewerb beworben und was würdest du sagen, warum lohnt sich denn die Teilnahme, also ich sag mal Stichwort Mehrwert, was habt ihr draus gezogen, wofür nutzt ihr die Preisgelder?

Philipp Abel

Danke. Also erstmal bin ich n absolut großer Fan von diesem Wettbewerb. 2017 habe ich im August angefangen und ich glaube, im September war in Saarbrücken damals die Preisverleihung. Und allein dahin zu kommen und so viele gute positive Beispiele zu sehen, die vorgestellt wurden, mit allen möglichen Leuten zu sprechen, die schon lange in dem Bereich arbeiten, war so inspirierend, und hat mir wahrscheinlich zwei, drei Monate Einarbeitungszeit gespart, allein deswegen wirklich einfach toll. Und zwischen den Preisen gibt es auch immer Erfahrungsaustausche, die organisiert werden. Also unabhängig davon, wie man am Ende abschneidet, ist es absolut gut und hilfreich da mitzumachen, weil man sich ganz viel Inspiration holt und gute Ideen, die man dann auch selber umsetzen kann. Und ja, bei uns konkret: Also wir haben uns, glaub ich mit 21 Projektmappen beworben und jede Mappe hatte dann alles Mögliche drin. Also es ging um Bildungsthemen, wir haben zum Beispiel die erste faire Volkshochschule in Fürth eingeführt, die eben dieses Thema Bildung für fairen Handel auch in die Erwachsenenbildung mit einführt. Wir hatten unser Welthaus, worauf wir auch sehr stolz sind, weil da diese Bildungsstation, die eine Weltstation, die faire Modeboutique und der Weltladen zusammen quasi an einem Ort in prominenter Innenstadtlage, ihre Kräfte bündeln und Jahr für Jahr auch bessere Umsätze haben. Das ist ein sehr, sehr, sehr schönes großes Erfolgsprojekt. Ich glaub das war so einer unserer Leuchttürme und der andere war dann unsere Beschaffung. Und Drumherum hatten wir alle möglichen Infoveranstaltungen, die Teilnahme an dem Nachhaltigkeitsfestival, größere und kleinere Aktionen - einfach ein bunter Blumenstrauß, den wir versucht haben in konkrete Projektmappen zusammenzufassen. Und scheinbar hat es der Jury gefallen. Ich war ja dann, zwei Jahre später durfte ich in der Jury teilnehmen und mir anschauen, was ja da einfach Tolles gemacht wird in allen möglichen Städten und coolen Projekten. Es waren super schöne Erfahrungen, mal in so einer Jury teilzunehmen und ich hab versucht, alle Mappen zu lesen von den Hunderten von Kommunen, die da teilgenommen haben. Es war extrem viel Lesestoff, aber das hat sich auch gelohnt. Ich hab mir ganz viel auch noch mal rausgeschrieben. Ah okay, so und so kann man das machen und auch einfach gesehen, dass das auch die Städte das anders interpretieren, was super super gut ist. Also Berlin zum Beispiel ist für mich so in vielen Bereichen ein totaler Vorreiter. Die Bezirke da, wie die Sachen gehen, davon profitieren wir dann immer und ich glaub das ist eh so ein Learning, also das es uns dann noch stärker macht, wenn andere auch stärker in dem Bereich werden und dass es die allgemeine Lage verbessert. Und da hat die SKEW super Austauschplattformen mit dem Netzwerk nachhaltige Beschaffung oder Netzwerk faire Beschaffung und der Hauptstadt. Das ist eine super Plattform, wo man sich austauschen kann und weiterkommen kann. Und ich bin besonders stolz, aber auch auf unsere Faire Metropolregion Nürnberg. Ich glaube, das ist die erste faire Metropolregion, die es überhaupt gab. Ich muss dazu sagen, hier in der Region sitzen ungefähr 10 Prozent aller Fair Trade Städte in Deutschland und in dieser fairen Metropolregion, die wir haben, kommt noch mal ganz viel Wissen zusammen. Wir helfen uns gegenseitig, wir halten Vorträge, die einen über das Thema bei uns wir zum anderen Thema bei denen, man kann sich kurz mal anrufen und austauschen und ja, das. Das ist Goldwert.

Andrea Gerhard

Philipp, weißt du denn noch, wofür ihr eure Preisgelder, beziehungsweise euer Preisgeld, eingesetzt habt?

Philipp Abel

Ja so eine Mischung. Also teilweise Sachen zu finanzieren, die einfach nie finanziert werden können. Bildungsprojekte, die faire Mode-Boutique zusammen mit dem Bildungsbüro zum Beispiel, haben eine Handpuppe entwickelt, mit denen sie jetzt in die Grundschulen, Kitas der Region gehen und das Thema Faire Baumwolle an Kinder näherbringen. Für sowas ist es so ein typisches Projekt, wo oft einfach kein Geld vorhanden ist, was wir mitfinanzieren konnten. Wir haben aber auch geguckt, dass wir, ich sag mal, das Geld in Sachen stecken, was langfristig auch einen Mehrwert erzeugt und den fairen Handel vor Ort stärkt. Also unser Unverpackt-Laden, weiß nicht, wie das bei euch in Hamburg ist. Bei uns in der Region sterben gerade sehr viele Unverpackt-Läden, weil einfach die wirtschaftliche Situation super schwierig ist. Und wir sind total happy, dass unserer nach wie vor lebt. Und der Weltladen und der Unverpackt-Laden haben sich zusammengetan und haben jetzt einen Lastenanhänger, um einfach Lieferungen machen zu können hier bei uns. Unser Unverpackt-Laden hat über 50 faire Produkte im Sortiment, also viele unverpackte und faire Produkte und ist da auch stets dabei, das weiterzubringen. Wir haben echt einen Experten hier bei uns und ja ist einfach schön bei uns, da sind viele, viele sehr kompetente Leute.

Andrea Gerhard

Also ich weiß nicht, ich hab das Gefühl, nach der Folge möchte man auf jeden Fall nach Fürth umziehen.

Philipp Abel

Wir freuen uns.

Andrea Gerhard

Und sag mal, kennst du auch so diese typischen... Ja, was heißt Vorbehalte, Vorurteile gegenüber dem Thema der fairen Beschaffung oder des fairen Einkaufs, wie zum Beispiel, es wäre zu kompliziert oder zu teuer, oder am Ende bringt es doch nichts? Solche Aussagen, kommen die dir bekannt vor? Begegnen sie dir oft und wie gehst du damit um?

Philipp Abel

Also zum Glück nicht mehr so oft, seit wir uns echt drauf fokussiert haben mit den intrinsisch motivierten Leuten zu arbeiten, weil denen muss ich nicht erklären, dass fair gut ist, weil die finden es selber gut und möchten das fördern. Aber klar find ich die Argumente auch und da auch so Sachen: Wie kann man diesen Labels überhaupt trauen? Ist doch eh alles nicht vertrauenswürdig und so weiter und so weiter. Ich glaube, es ist da wichtig, einfach zu sagen: Ja, das ist so gut wie es ist, aber es ist auch nicht schlechter, wie es ist. Und ich finde, das ist der gute Kompromiss, den wir haben, um überhaupt voranzukommen. Wir sind oft, ich weiß nicht, ob das was Fränkisches ist oder ob es Verwaltungskultur ist, aber wir sind extrem gut darin, Probleme zu identifizieren. Wirklich. Wir können innerhalb von ganz kurz, wenn wir einen Sachverhalt sehen, sagen: Okay, das und das und das und das Problem könnte es dabei geben. Was wir schon immer versuchen, es genauso gut darin zu werden, auch die Lösungen zu finden und zu sehen. Ja, welche Chancen bringt das? Wenn es sogar so nicht funktioniert, wie könnte es denn funktionieren? Und ich mag meine Kolleginnen und Kollegen also. Da ist so viel Kreativität auch irgendwie vorhanden, wie wir Sachen angehen können und dann auch Motivation das cool umzusetzen. Da ist sehr viel Positives dabei.

Andrea Gerhard

Jetzt am Ende muss ich dich natürlich noch fragen: Was würdest du denn den Kommunalvertretenden zum Abschluss, die uns hier zuhören, ganz konkret mitgeben? Die überlegen, auf faire und nachhaltige Beschaffung umzustellen?

Philipp Abel

Also wenig überraschend ist halt einfach machen und am besten was machen, was man sich auch wirklich zutraut. Und selbst wenn es nur die kleine Umstellung ist, weil die Erfahrungen werden damit gesammelt. Und das zweite ist: Erfolge feiern und kurz auch innehalten und sagen, ja, das haben wir gut gemacht. Kurz durchatmen, sich darüber freuen und dann kann man mit positiver Energie auch weitergehen. Und, was wirklich supereffektiv ist: sich vernetzen mit anderen. Und da gibt es tolle Angebote von der SKEW, auch von anderen, die Eine Welt Netze in Deutschland, die verschiedenen, Fair Trade Deutschland hat gute Angebote. Wenn es irgendwie geht, dass sich ein Mensch der Verwaltung da den Hut dafür aufsetzen darf, ein paar Stunden Arbeitszeit dafür bekommt, je nachdem wie groß die Kommune ist, und auch die Freiheit hat, sich da erstmal irgendwie zu vernetzen und ein Treffen teilzunehmen, dann hilft es echt gut weiter.

Andrea Gerhard

Super. Vielen, vielen Dank. Das war Philipp Abel, Leitung des Nachhaltigkeitsbüros aus Fürth. Vielen Dank, lieber Philipp, für deine Zeit und die ganzen Einblicke. Und das war sie: Unsere Kommune bewegt Welt Episode zum Thema Faire Beschaffung. Danke, dass ihr zugehört habt. Und wenn ihr jetzt auch nach dem Hören Lust auf faire Beschaffung bekommen habt, dann schaut doch mal bei der SKEW vorbei, der Servicestelle Kommunen in der einen Welt. hier gibt es nicht nur ein tolles Netzwerk mit vielen Kommunen, mit denen ihr euch zum Thema austauschen könnt, sondern auch spannende Seminare und E-Learning Formate für eure erste faire Beschaffung - alles natürlich kostenfrei. Wir haben euch ein paar Links zu den Angeboten und natürlich auch zu Fürth in die Shownotes gepackt. Damit sag ich Tschüss, bis zur nächsten Episode und denkt daran, Kommune bewegt Welt zu abonnieren und auch sehr gerne zu bewerten. Das geht ganz, ganz schnell und ihr dürft uns natürlich auch jederzeit weiterempfehlen. Vielen Dank - eure Andrea. Der Podcast Kommune bewegt Welt wird produziert von der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt von Engagement Global und im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

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