Wie deutsche & ukrainische Kommunen Solidarität leben: Zwickau & Volodymyr

Shownotes

Bereits vor Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine waren zahlreiche deutsche und ukrainische Kommunen in Städtepartnerschaften miteinander verbunden, um neben dem kulturellen Austausch auch zu Themen nachhaltiger Stadtentwicklung zu arbeiten. Seit Kriegsbeginn hat sich diese Zusammenarbeit nochmal deutlich verstärkt: Im deutsch-ukrainischen kommunalen Partnerschaftsnetzwerk bestehen mittlerweile mehr als 200 Partnerschaften, in denen die Kommunen beider Länder Seite an Seite stehen und bedarfsorientiert zusammenarbeiten.

Wie sich die Partnerschaftsarbeit angesichts der Kriegssituation gestaltet, berichten im Gespräch Sven Dietrich aus Zwickau und seine Kollegin Katharina Pithuretz aus der ukrainischen Partnerstadt Volodymyr. In dieser Folge hört ihr…

…zu welchen Themen die Partnerschaft bereits vor dem Krieg arbeitete, …wie Zwickau seine Partner in der aktuellen Situation unterstützt, …und welche Bedeutung das deutsch-ukrainische kommunale Partnerschaftsnetzwerk für ein solidarisches Miteinander in Europa hat.

Die SKEW unterstützt deutsch-ukrainische Kommunalpartnerschaften finanziell und steht ihnen beratend zur Seite. Mehr Infos zu diesem Angebot finden sich hier: https://skew.engagement-global.de/ukraine.html

Wer mehr über die Partnerschaft zwischen Volodymr und Zwickau erfahren will, wird auf dieser Seite fündig: https://www.zwickau.de/de/politik/aktuelles/100010100000090405.php?s=e1e7e45c8d774bfea484094d8b93193c

Der Podcast „Kommune bewegt Welt“ wird produziert von der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW) von Engagement Global im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

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Transkript Folge Zwickau

Kommune bewegt Welt - der Podcast der SKEW

Andrea Gerhard

Und damit sage ich wieder herzlich Willkommen zu einer neuen Episode von Kommune bewegt Welt. Mein Name ist Andrea Gerhard und ich freue mich ganz besonders darauf, in diesem Podcast mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich in ihrer und mit ihrer Kommune für eine nachhaltigere und gerechtere Welt engagieren. Ob Klimaschutz, faire Lieferketten oder internationale Zusammenarbeit, Kommunen gehen hier ganz unterschiedliche Wege und nehmen uns im Podcast ein kleines Stückchen dabei mit. Und unser heutiges Thema ist die Ukraine Partnerschaft zwischen Zwickau und Volodymyr. Und eingeladen habe ich mir dafür Sven Dietrich, er ist Verantwortlicher für interkommunale Zusammenarbeit der Stadt Zwickau. Damit sage ich herzlich willkommen bei Kommune bewegt Welt, lieber Sven.

Sven Dietrich

Ja, Hallo aus Zwickau. Ich freue mich, hier dabei sein zu können.

Andrea Gerhard

Wir freuen uns auch sehr und wir haben noch eine Sprachnachricht dabei, die wir hier im Laufe unseres Gesprächs einspielen werden. Direkt von und aus eurer Partnerkommune, da werden wir gleich reinhören und da freu ich mich auch schon drauf, eine direkte Stimme noch mal zu hören. Ich habe natürlich wie immer mich erstmal ein bisschen umgeschaut und hab gedacht welche Infos kann ich über Zwickau mir einholen. Und gelernt habe ich da unter anderem, dass ihr ungefähr 88.000 Einwohnerinnen und Einwohner habt und dass ihr somit die viertgrößte Stadt in Sachsen seid und die Geburtsstadt eines sehr berühmten Komponisten, nämlich Robert Schumann. Und dazu gibt es auch ein passendes Museum. Und ich liebe tatsächlich Robert Schumann sehr, also haben wir schon eine direkte Verbindung, wir beide hier zwischen Zwickau und unserem Gespräch.

Sven Dietrich

Das beginnt ja schon mal sehr hoffnungsreich.

Andrea Gerhard

Lieber Sven, würdest du dich vielleicht einmal kurz und knapp für uns vorstellen?

Sven Dietrich

Ja, mein Name ist Sven Dietrich. Ich bin Mitarbeiter der Stadtverwaltung Zwickau, 55 Jahre alt und von Beruf Volljurist. Zu meinen Aufgaben gehört die interkommunale Zusammenarbeit in der Stadt Zwickau und damit auch unsere Städtepartnerschaften. Wir haben aktuell vier Städtepartnerschaften, die wir pflegen. Yandu, in der Volksrepublik China, Jablonetz in Tschechien, Dortmund in Nordrhein-Westfalen und unsere ukrainische Partnerstadt Volodymyr.

Andrea Gerhard

Ja, über die wollen wir natürlich heute besonders sprechen. Ich muss aber einmal noch nachfragen, weil ich finde, dass die Jobbezeichnung interkommunale Zusammenarbeit klingt echt nach einer spannenden Aufgabe. Was begeistert dich denn persönlich daran?

Sven Dietrich

Ich vertrete unsere Stadt nach außen, also in unseren Partnerstädten bin ich neben der Oberbürgermeisterin das Gesicht der Stadt. Das ist etwas, was mir sehr liegt. Ich denke, dass ich mich diplomatisch ausdrücken kann und mich zu benehmen weiß. Und es kommt da auch sehr viel zurück bei diesen Besuchen. Auch war ich sieben Mal in Volodymyr, drei Mal auch in der chinesischen Partnerstadt. Das sind immer wunderbare Höhepunkte der Berufstätigkeit und das macht mir sehr viel mehr Spaß als der Alltag im Büro.

Andrea Gerhard

Wir wollen ja heute über Zwickau und Volodymyr sprechen. Euch verbindet eine Partnerschaft seit 2013 schon?

Sven Dietrich

Ja.

Andrea Gerhard

Und die Ukraine-Partnerschaften sind ja automatisch auch Teil des Deutsch-ukrainischen kommunalen Partnerschaftsnetzwerks, dessen Schirmherrschaft der Bundespräsident Steinmeier und der ukrainische Präsident Selenskyj innehaben. Wie ist denn eure Partnerschaft genau entstanden? Also die zwischen Zwickau und Volodymyr. Und gab es vielleicht auch bestimmte historische, kulturelle oder persönliche Verbindungen?

Sven Dietrich

Ja, es ist tatsächlich aus einer persönlichen Geschichte heraus entstanden. Der Leiter des Zwickauer Ordnungsamtes, Herr Karl Ernst Möller, ging in den Ruhestand - in den Vorruhestand, sowas war damals noch möglich, eine sehr vernünftige Erfindung - und begann, sich auf die Suche zu begeben nach seiner Familie. Diese beiden Vornamen die er hat, Karl Ernst, das sind die Vornamen seiner Onkel Karl und Ernst, die beide im Zweiten Weltkrieg gefallen sind. Und man wusste in der Familie Möller so ungefähr, wo sie eingesetzt waren. Aber nun, als Vorruheständler hatte er Zeit, hat sich auf den Weg gemacht, hat alte Dokumente gewälzt und hat dann tatsächlich in einem kleinen Ort in der Nähe von Volodymyr in der Gemeinde Laskiv zwei Gräber gefunden mit dem Namen seiner beiden Onkel. Und diese Gräber waren liebevoll gepflegt und das war der Beginn der Zuneigung. Zunächst zu diesen Menschen, die in dieser Gemeinde Laskiv leben. Da hat man sich schnell regelmäßig besucht. Es wurden aus Deutschland Hilfsgüter gesammelt und dorthin gebracht. Wir reden von einer Zeit lange vor dem Krieg, aber auch da hatten viele Menschen soziale Not und da haben sich Kontakte ergeben. Und Herr Möller war zu diesem Zeitpunkt dann auch schon Mitglied des Stadtrates und im Stadtrat diskutierte man darüber, ob die Stadt Zwickau nicht ihr internationales Engagement erweitern sollte. Und so kam es dann 2013 zur offiziellen Begründung der Städtepartnerschaft, wobei klar ist, dass die Stadt Zwickau mit 88.000 Einwohnern nun nicht mit der Gemeinde Laskiv die Partnerschaft eingehen konnte, sondern mit der nächstgrößeren Stadt in der Nähe Volodymyr, damals ungefähr 38.000 Einwohner.

Andrea Gerhard

Wie, wie schön, dass ein persönlicher Stein das Ganze ins Rollen gebracht hat. Das ist ja wirklich eine tolle Geschichte. Wie anfangs schon angekündigt, habe ich ja auch eine Sprachnachricht aus eurer Partnerstadt dabei. Und wir haben da nämlich nachgehört und hören jetzt ganz kurz rein in die Sprachnachricht deiner Partnerschaftskollegin vor Ort in der Ukraine: Katerina Pytorez.

Katerina Pytorez

In mehr als einem Jahrzehnt der Zusammenarbeit zwischen Volodymyr und Zwickau haben wir gemeinsam viele Erfolge für unsere Gemeinden erzielt und sind immer aktiv dabei unterstützt worden. Dank der Hilfe aus Zwickau konnten wir eine Reihe gemeinsamer Projekte umsetzen, die den Austausch in verschiedenen Bereichen und die Entwicklung neuer Möglichkeiten für die Bewohner unserer Gemeinden erleichtert haben. Besonders erwähnen möchte ich dabei die hervorragende Zusammenarbeit mit Herrn Dietrich, der mein Kollege in der Verwaltung in Zwickau ist und ein ganz unverzichtbarer Partner für uns. Herr Dietrich ist ein Spezialist für internationale Beziehungen, der immer aktiv auf der Suche nach neuen Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen unseren Städten ist und dabei alle von uns vorgeschlagenen Initiativen unterstützt. Seine Offenheit für neue Ideen, seine Bereitschaft, in jeder Angelegenheit zu helfen, seine tolle Organisation aller Prozesse und der gemeinsamen Projekte sind sehr motivierend, inspirierend und hilfreich. Alle Veranstaltungen und Projekte werden mit Leichtigkeit umgesetzt und ich schätze seine Unterstützung und seine ständige Bereitschaft zur Zusammenarbeit sehr.

Andrea Gerhard

Da sagen wir an dieser Stelle einmal vielen Dank an Katerina für die Nachricht. Und das sind doch Worte, die ganz gut vertragbar sind für dich, oder Sven?

Sven Dietrich

Das hat mich sehr gefreut und das könnte ich aber jederzeit auch erwidern. Die Zusammenarbeit mit Katerina und ihren Kolleginnen ist ganz wunderbar.

Andrea Gerhard

Eure Partnerschaft bestand ja schon lange vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. 2013 haben wir ja gerade schon erwähnt. An welchen Projekten habt ihr vor dem Krieg gearbeitet und wie hat sich dann die Zusammenarbeit mit Volodymyr verändert? Vielleicht kannst du uns da ja einmal durchführen?

Sven Dietrich

Projekte, insbesondere solche, die von SKEW gefördert worden sind, haben wir in der Zeit vor dem Krieg zwei angearbeitet. Das eine war ein medizinisches Projekt, da ging es um das Thema Krebsfrüherkennung und Krebsvorsorge. Kern des Projektes war die Anschaffung eines medizinischen Gerätes, um die 70.000 Euro. Eine Möglichkeit der Krebsvorsorgeuntersuchung mit Elastographie also. Das ist so ein Begriff aus der Medizin. Ein hochwertiges Gerät, das auch heute in Volodymyr im Einsatz ist und das vielen Menschen geholfen hat. Und das haben wir verbunden mit praktischem Erfahrungsaustausch. Da war auch unser Heinrich Braun Klinikum, vertreten durch den leitenden Oberarzt, mit vor Ort. Wir haben damals auch noch Treffen gehabt. Und Delegation aus der Ukraine war auch hier auch da Ärzte mit dabei und so konnten die Fachleute miteinander kommunizieren und das war dann ein Projekt, das wir vor dem Krieg schon relativ weit hatten. Es war noch nicht vollständig abgeschlossen, aber es war schon relativ weit. Das zweite Projekt vor dem Krieg betraf erneut für mich das Erlernen eines Wortes, das ich bis dahin nicht kannte, nämlich das Wort Repokeratoren. Das ist ein Lufttauscher, den man in ein Zimmer einsetzt. Also wir reden von der Corona Zeit, das war ja auch in der Ukraine ein großes Thema, ebenso wie für uns. Repokaratoren wurden in sämtliche Schulräume in Volodymyr eingesetzt und das gab die Möglichkeit, diese Räumlichkeiten ständig durchzulüften, ohne immer das Fenster aufzuhaben. Und in der Ukraine ist der Winter noch ein Stück härter und damit war das ein wichtiges Thema. Und das konnten wir finanziert durch SKEW zu Beginn des Krieges durchziehen.

Andrea Gerhard

Wie haben sich dann die Projekte sozusagen verändert?

Sven Dietrich

Also der Tag des Kriegsbeginns und die Tage danach waren hier im Rathaus unglaublich intensive Tage. Da haben dann auch die zehn Stunden Arbeitszeit nicht mehr gereicht, die man machen darf. Das ging dann richtig an die Substanz. Es war sofort eine gewaltige Hilfsbereitschaft der Zwickauer Bevölkerung vorhanden. Wir haben ein Spendenkonto eingerichtet und dieses Spendenkonto war innerhalb weniger Tage im sechsstelligen Bereich. Damit waren wir handlungsfähig, was praktische Hilfe anbelangte. Also habe ich mich hingesetzt und kurzfristig versucht, einen ersten Transport nach Volodymyr zu organisieren und wir haben dann drei Busse bestellen können bei Busunternehmen. Wir konnten das innerhalb von 36 Stunden organisieren. Es gab den Spendenaufruf an die Bevölkerung, es wurde eine Sporthalle leergeräumt, da waren dann nur lauter Hilfsgüter drin. Unglaubliche Bereitschaft der Zwickauer Bevölkerung zu Hilfe. Und dann fuhren am Tag darauf drei Busse an die Grenze. Und da haben wir die drei Busse mit Hilfe von Mitarbeitern der Stadtverwaltung Rzeszów in Polen und freiwilligen Helfern, viele freiwillige Helfer, ausgeräumt in einer Turnhalle, das Ganze gesichert. Es war eine ganz tolle Veranstaltung, wie polnische und deutsche freiwillige Helfer da Hand in Hand gearbeitet haben. Große natürliche Völkerverbundenheit. Mit den drei Bussen sind wir dann an die Grenze direkt gefahren. Und haben dort auch meiner Erinnerung nach über 60 Personen mitnehmen können. Und von denen sind viele dann auch in Zwickau geblieben. Und andere sind in andere Teile der Bundesrepublik weitergesiedelt, haben dort Verwandte getroffen und eine neue Bleibe gefunden. Also sagen wir gleich in den ersten Tagen eine ganz unmittelbare Hilfe.

Andrea Gerhard

Mit welchen Aktionen unterstützt ihr eure Partnerschaft nun gerade in dieser schweren Zeit?

Sven Dietrich

Wir haben Projekte im Bereich der Hilfe für Senioren, haben wir schon ein abgeschlossenes Projekt, da wurden neue Betten beschafft, und die entsprechenden Matratzen. Diese Anti debicus Matratzen, die den alten Menschen da helfen. Wir haben an einem weiteren Projekt, auch finanziert durch SKEW, einen Krankenwagen gekauft. Das wirkt für uns so selbstverständlich, aber in Volodymyr gab es bis dahin keinen Krankenwagen. Die Menschen sind mit Taxis oder mit privaten Autos ins Krankenhaus gefahren. Dass der Rettungswagen sie abholt und dass sie unterwegs schon behandelt werden können, das ist eine neue Situation, die durch dieses Projekt geschaffen worden ist. Aktuell arbeiten wir an einem Projekt, das auf die Beschaffung von Generatoren hinausläuft. Wir haben im Laufe der letzten zweieinhalb Jahre eine Vielzahl von Generatoren nach Volodymyr geschafft, aber das waren in der Regel kleinere, also in der Größenordnung 5 bis 10 KW. Das, was jetzt geplant ist, ist ein richtig großes Projekt, es geht auch richtig ins Geld.

Andrea Gerhard

Was nimmt denn Zwickau, ganz konkret aus der Zusammenarbeit mit? Vielleicht hast du da auch ein, zwei konkrete Beispiele?

Sven Dietrich

Vor allem hilft natürlich der der menschliche Austausch. Und wir haben in der Zeit vor dem Krieg auch begonnen, einen Schüleraustausch aufzubauen. Ukrainische Schüler waren insgesamt viermal in Zwickau. Einmal waren die Zwickauer Schüler auch in der Ukraine. Das war so ein langer Willensbildungsprozess, weil die Eltern natürlich Sorgen um ihre Kinder haben. Ab 2014 hatten wir ja bereits den Krim Konflikt und immer auch die Sorge, dass er auch damals schon auf andere Teile der Ukraine übergreifen könnte. Und deswegen waren die Eltern da lange Zeit skeptisch und wir haben den Gegenbesuch in Volodymyr lange hinausgezögert. Und 2019 war es dann so weit, 2019 waren das erste und leider bislang einzige Mal Zwickauer Schüler eine Woche lang zum Austausch in Volodymyr. Und dann, na ja, das wissen Sie ja selbst, dann kamen die Corona Jahre und dann der Krieg. Und deswegen ist das jetzt erst einmal aufgeschoben. Aber wir werden das unter günstigeren Umständen natürlich wieder aufnehmen.

Andrea Gerhard

Wie war damals das Feedback der Schülerinnen und Schüler, als sie wieder zurück waren in Zwickau? Was ist dir so in Gesprächen berichtet worden?

Sven Dietrich

Ich fand ganz interessant, wie diese Jugendlichen die Besuche dann unter sich auch reflektiert haben. Da saßen Lehrer dabei, aber die haben da nicht eingegriffen, sondern diese Sechzehnjährigen haben für sich reflektiert. Sie waren dort am Unabhängigkeitstag, bedeutet in der Ukraine die Armee tritt auf, es wird die Nationalhymne gesungen, es gibt Böllerschüsse in die Luft und am Ende wird noch ein zweites Mal die Nationalhymne gesungen. Und die Sechzehnjährigen haben das reflektiert und haben gesagt, wenn wir hier in Deutschland so gezielt patriotisch auftreten würden, dann würden wir alle in die rechte Ecke gestellt werden, dort in der Ukraine ist das völlig normal. Und ich fand aber auch spannend, dass diese Sechzehnjährigen das nicht abwertend gesagt haben, sondern die haben einfach gesehen, das ist eine andere Realität: Das ist ihre Wahrheit, es gibt unsere Wahrheit und es ist nicht die eine Wahrheit, besser als die andere. Da fand ich, waren die Sechzehnjährigen für ihr Alter schon sehr weit.

Andrea Gerhard

Was würdest du sagen, wie funktioniert jetzt die Zusammenarbeit zwischen euren beiden Städten zu diesen erschwerten Bedingungen? Wie kann man sich das in eurem tagtäglichen Job vorstellen?

Sven Dietrich

Sie funktioniert sehr gut. Wir müssen ja bedenken, Volodymyr ist nicht zerstört. Es gibt zwar die Angriffe und dann die Schutzsituation, aber es ist kein Mariupol oder kein Butscha, sondern es gibt Opfer, insbesondere junge Männer, die an der Front kämpfen, dort sterben. Und diese Würdigung wird in Volodymyr auch sehr großgeschrieben und sehr, sehr stilvoll umgesetzt. Aber das tägliche Leben geht im Großen und Ganzen weiter. Und die elektronische Kommunikation funktioniert. Wir haben die ganz normalen Kommunikationsmittel, wie E-Mail. Wir machen auch Videokonferenzen und da hat man genauso den Eindruck, dass der Gesprächspartner im Nebenraum sitzt, wie jetzt eben bei uns.

Andrea Gerhard

Gibt es da eine besondere Geschichte oder Begegnung, die dich beeindruckt hat, die dir im Kopf geblieben ist?

Sven Dietrich

Auf dem Hauptmarkt von Volodymyr gibt es eine Heldengedenkstätte und da werden die Opfer des Krieges seit 2014 geehrt. Und das sind zum Teil sehr, sehr junge Männer, die gerade mit 18 bis 20 gefallen sind. Und da traf ich einen alten Herrn, der dort an einem der Bilder trauerte und ich hab die Dolmetscherin gebeten, dazu zu kommen. Ja, der trauerte dort um seinen Sohn. War sehr verbittert und fühlte sich auch sehr allein gelassen und ich habe ihn dann in den Arm genommen. Was anderes ist mir dann auch nicht eingefallen. Das war eine sehr anrührende, sehr traurige Situation.

Andrea Gerhard

Welche gemeinsamen Projekte und Pläne habt ihr für die Zukunft? Wie wollt ihr einen nachhaltigen Wiederaufbau gestalten? Ist das vielleicht so ein Thema oder was schwebt euch so vor an Plänen für die Zukunft?

Sven Dietrich

Neben dem Generatorenprojekt ist die Gestaltung einer Bildungsreise eines unserer nächsten Themen. Zu diesem Zweck sollen Lehrerinnen aus Volodymyr, begleitet vom stellvertretenden Bürgermeister, eine Woche lang zu uns kommen und wir wollen dort mit verschiedenen Schulen in der Stadt Zwickau Da wird ein Gymnasium dabei sein, die Hochschule, eine Oberschule und eine Berufsschule, da wollen wir uns zu den fachlichen Themen austauschen, insbesondere auch den Bezug zu Berufsbildung herstellen und wollen die Bildungssysteme miteinander vergleichen und ausloten, in welcher Form wir da auch weiter zusammenarbeiten können, wie wir voneinander profitieren können. Ich sagte schon, wir haben eine Hochschule in Zwickau, die steht natürlich auch offen für Studierende aus anderen Ländern, und da wäre das auch eine sehr interessante Perspektive.

Andrea Gerhard

Spannend, also da bleiben wir auf jeden Fall auf dem Laufenden und werden beobachten, was ihr da so plant. Ich weiß, dass es noch viele ukrainische Kommunen gibt, die auf der Suche nach Unterstützung aus einer deutschen Partnerkommune sind. Über die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt, also die SKEW, gibt es auch die Möglichkeit, ganz unbürokratisch eine Solidaritätspartnerschaft einzugehen. Das wollte ich an der Stelle einmal kurz anmerken, bei wem wir jetzt hier eben das Interesse geweckt haben. Was würdest du denn, Sven, als ja mein Experte heute in dieser Folge hier anderen Kommunen raten, die auch eine Kommune in der Ukraine unterstützen wollen, vielleicht sogar im Rahmen einer Partnerschaft?

Sven Dietrich

Die deutsche Kommune muss sich darüber im Klaren sein, dass sie auch Ressourcen einplanen muss. Es ist nicht damit getan, im Stadtrat was zu beschließen, sondern sie muss dafür Personal haben. Es muss ein Budget zur Verfügung stehen und idealerweise wäre auch die Verknüpfung in die Zivilgesellschaft. Also wir haben, der besagte Karl Ernst Möller, der Vater dieser Städtepartnerschaft, ist auch Vorsitzender von einem Ukraine Förderverein. Und das gibt dann plötzlich die Möglichkeit, Unterstützung von vielen Menschen zu erreichen, was man in praktischen Dingen braucht. Plötzlich ist irgendwo ein Auto zu beladen, ein Auto zu steuern, einen Termin abzudecken und mit dem Förderverein gibt es immer die Möglichkeit, auf engagierte Ehrenamtler zuzugreifen, die das Ganze aus Überzeugung unterstützen. Und so hat man eine Zuverlässigkeit, die man jetzt allein als Stadtverwaltung schwer auf die Reihe bekommen würde.

Andrea Gerhard

Zum Abschluss habe ich doch vielleicht eine Frage, die ist eher so ganz allgemein zum deutsch ukrainischen Partnerschaftsnetzwerk. Wenn du einen Blick in die Glaskugel wagst, was denkst du, welche Bedeutung ein solches Netzwerk aus mehreren 100 deutsch ukrainischen Kommunalpartnerschaften für die Zukunft, also für die deutsch ukrainischen Beziehungen in 10, 20 Jahren haben könnte?

Sven Dietrich

Ich denke, es hat eine wichtige Bedeutung für die Annäherung innerhalb von Europa, wo es sich unterschiedliche Mentalitäten treffen. Wir haben diese Annäherung schon in den letzten Jahren, also da hat es eine Annäherung gegeben und ich denke, dass dieser Prozess der Annäherung sich auch intensivieren kann in den nächsten Jahrzehnten.

Andrea Gerhard

Ja, das denke ich auch und das hoffe ich. Ich sag an dieser Stelle vielen Dank. Das war Sven Dietrich aus Zwickau für die ganzen Einblicke in eure Partnerschaft für die ganz konkreten Beispiele und die Umsetzung eurer wichtigen Arbeit. Schön, dass du heute bei uns warst. Vielen Dank für diesen wichtigen Austausch.

Sven Dietrich

Ich bedanke mich auch. Das war ein sehr angenehmes Gespräch.

Andrea Gerhard

Ja, liebe Zuhörerinnen, wir haben heute viel Beeindruckendes gehört über die Zusammenarbeit zwischen Zwickau und Volodymyr. Wenn auch eure Kommune eng mit einer ukrainischen Kommune zusammenarbeiten möchte, dann meldet euch gerne bei der SKEW, der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt. Dort gibt es Unterstützung beim Finden einer passenden Partnerkommune, eine inhaltliche Begleitung für die Zusammenarbeit und natürlich auch verschiedene Fördermittel. Und alle Kommunen, die eine Ukraine Partnerschaft haben, sind auch automatisch Teil eines großen Partnerschaftsnetzwerks, in dem ihr euch untereinander austauschen könnt. Alle Infos und die Kontaktdaten dazu verlinken wir euch wie immer noch einmal in unseren Shownotes. Und das war sie, unsere Episode zum Thema Ukraine Partnerschaft Zwickau und Volodymyr. Vielen Dank an die Gäste der heutigen Folge. Schön, dass ihr zugehört habt. Und abonniert gerne unseren Podcast Kommune bewegt Welt oder empfehlt uns weiter bis zum nächsten Mal eure Andrea.

Der Podcast Kommune bewegt Welt wird produziert von der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt von Engagement Global und im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

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